Die Plastiktüte

Ich gehe regelmäßig walken. Ja, das Walken. Mit Stöcken und so. Aber das ist eigentlich egal. Ich habe eine Stammstrecke, auf der ich etwa eine Stunde unterwegs bin. Diese Stunde ist meine Auszeit. Ich höre noch nicht einmal Musik über Kopfhörer, denn ich genieße es, nichts hören zu müssen. Eine Stunde lang unerreichbar sein, eine Stunde meinen eigenen Gedanken nachhängen können. Meine Gedanken fliegen dahin. Wie Wolken türmen sie sich auf, um im nächsten Moment wieder zu verpuffen und sich aufzulösen. Wenn mir ein Gedanke nicht gefällt, denke ich einfach an etwas anderes.

Die Strecke fliegt an mir vorbei. Die Hauptstraße mit ihrem monotonen Motorengrummeln, das Vogelgezwitscher im Stadtpark und das Rauschen des Bogenbaches. Selbst die Rufe und Pfiffe am Fußballplatz und dazwischen das dumpfe Geräusch, wenn das Leder des Balles auf das Leder der Schuhe trifft. Belanglose Geräusche, die mich nichts angehen. Ich lausche meinem eigenen Atem, der trotz der Anstrengung ruhig geht und ein wenig bedaure ich, dass die Stunde gleich um ist. Und plötzlich melden meine Augen etwas Ungewöhnliches. Dort, an dem Geländer einer Treppe, die weg von der Hauptstraße zu einem versteckten Fußgängerweg führt, hängt eine Plastiktüte. Ganz unscheinbar, als würde sie genau zu dieser Zeit an dieses Geländer gehören. Ich weiß aber, dass dem nicht so ist. Ich bin sicher schon Hunderte Male an diesem Geländer vorbei gelaufen und niemals hing dort eine Plastiktüte. Und heute sehe ich die Plastiktüte schon von Weitem.

Eins ist sicher. Die Plastiktüte hängt nicht zufällig dort. Plastiktüten werden zwar gerne vom Wind durch die Welt getragen, aber diese da ist nicht leer. Der bunte Aufdruck mit dem Logo einer bekannten Supermarkt-Kette steht vom Inhalt unter Spannung. Nicht so sehr, dass man Angst haben müsste, dass die Plastiktüte reißt, sondern gerade so, dass man merkt, dass sie etwas Leichtes enthält. Allerdings auch so schwer, dass sie nicht der Wind auf schicksalhafte Weise an das Geländer gehängt haben kann. Mit dem dumpfen Klackern meiner Stöcke nähere ich mich der Tüte Meter für Meter.

Was wohl in der Plastiktüte drin ist? Wer hat sie dorthin gehängt? Vielleicht soll sie von jemand abgeholt werden? Was wäre, wenn ich die Plastiktüte einfach mitnähme? Vielleicht könnte ich damit sogar illegale Machenschaften verhindern? In meinem Kopf formt sich ein Bild aus schwarzen und weißen Nadelstreifen, im Hintergrund ein Tisch mit Spaghetti, neben dem Tischbein steht ganz unscheinbar ein schwarzer Geigenkoffer. Grimmige Gesichter, eindeutige Gesten. Wie konnte das nur geschehen? Francesco hat darauf geschworen, dass dieses Geländer in dieser verdammten Kleinstadt sicher sei! Und nun ist die Plastiktüte mit dem bunten Aufdruck und dem Logo einer bekannten Supermarkt-Kette weg! Zustimmendes Nicken, Piedro rührt bereits den Beton an. Francesco wird sich zu verantworten haben. Soviel ist sicher.

Klack – klack – klack. Gleich habe ich die Plastiktüte erreicht, die über Leben und Tod entscheiden wird! Da bin ich sicher! Klack – klack – klack. Mitnehmen oder hängen lassen? Klack – klack – klack. Mein Atem geht schnell. Klack – klack – klack. Ich bin genau neben der Plastiktüte mit dem bunten Aufdruck und dem Logo einer bekannten Supermarkt-Kette. Klack – klack – klack. Ich halte die Luft an. Klack – klack – klack. Ich atme lange und hörbar aus. Ich bin an der Plastiktüte vorüber. Sie hängt ganz unscheinbar an dem Geländer der Treppe, die weg von der Hauptstraße auf einen versteckten Fußgängerweg führt. Ich wage einen kurzen Blick zurück, fest davon überzeugt, dass die Tüte jetzt auf wundersame Weise verschwunden wäre. Doch sie hängt immer noch da und baumelt leicht hin und her, als wäre nichts gewesen.

Als ich zwei Tage später wieder an dem Geländer vorbeikomme, ist die Plastiktüte mit dem bunten Aufdruck und dem Logo einer bekannten Supermarkt-Kette weg. Einfach so. Und irgendwo lässt sich ein schwarzer Nadelstreifenanzug gerade noch ein Glas Wein einschenken, um mit Francesco anzustoßen. Da bin ich sicher.

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